Workshop über die Wahrheit und Wahrhaftigkeiten

Zwei Dutzend Menschen aus Deutschland, Frankreich, der Ukraine und Russland nahmen am Online-Workshop „Wodurch unterscheiden sich Wahrheit und Wahrhaftigkeit? Lass dich durch Medien und soziale Netzwerke nicht täuschen!“ teil. Der Workshop fand im Rahmen des Projektes „ICH BIN DABEI“ des Bundesverbandes russischsprachiger Eltern (BVRE e. V.) statt und wurde durch das Bundesministerium des Innern (BMI) gefördert. Organisiert wurde er durch das Deutsch-Russische Zentrum „Integration Bildung, Sozial, Kultur (DRZ IBSK e. V.) und den Club „Live Berlin“.

Foto: Tinatin | AdobeStock

Mir, Borys Shavlov, dem Chefredakteur des russischsprachigen Web-Magazins „Live Berlin“, lag dieser Workshop vor allem deswegen am Herzen, weil ich der Meinung bin, dass die gesamte Zeit, wirklich jede Sekunde der Interaktion mit den Medien bewusst gelebt werden muss. Ja, alle Medien lügen, aber nicht nur, weil sie täuschen wollen. Es gibt einfach keine Möglichkeit, etwas zu sagen, ohne dabei Nebensächliches auszulassen, Notwendiges hervorzuheben, auf Erwünschtes hinzuweisen und Unangenehmes zu „verdrängen“. Es gibt nur eine Wahrheit, Wahrhaftigkeiten hingegen stellen lediglich deren Projektionen auf ein konkretes Medium dar.

Ab der ersten Minute des Workshops und dem Kennenlernen wurde klar, dass die Arbeit spannend wird. Für mich als Moderator und Experte stehen immer die Partner im Vordergrund, sie sind mindestens zur Hälfte verantwortlich für den Erfolg. Kollegen mit einem reichen Erfahrungsschatz, mit ihren Lebensgeschichten, zwar unterschiedlich in der Gesprächsführung, dafür zweifellos engagiert, bilden die Grundlage erfolgreicher Arbeit. Übrigens sind wir sehr schnell, innerhalb von zwanzig Minuten Kollegen geworden.

Wie hätte es auch anders sein können? Liebe Freunde, wir leben doch alle in einer revolutionären Zeit. Eine solche Zeit hat es seit Gutenberg nicht mehr gegeben, als das gedruckte Wort zum ersten Mal in der Zivilisationsgeschichte für alle zugänglich wurde. Und nun erfahren wir nach fünf Jahrhunderten eine genauso starke globale Veränderung. Jetzt sind Informationen nicht nur allen (dank des Internets), sondern auch (dank dem mobilen Internet) sofort zugänglich. Und natürlich erwartet uns unsere eigene Reformation. Nicht sofort, aber doch ist Einiges aus dieser neuen Welt bereits jetzt für uns greifbar.

So der Fall Schottland, als Anhänger und Gegner des Unabhängigkeitsreferendums ihres Sieges gleichermaßen sicher waren — mit jeweils 80 zu 20. Dies galt für beide Seiten. Grund dafür war die durch die sozialen Netzwerke und Google entstandene Filterblase, wenn du diejenigen aussparst, die nicht deiner Meinung sind, und Google und die sozialen Netzwerke dir zusätzlich auf dich zugeschnittene Werbung zuspielen. So entsteht das Gefühl, dass die Welt um dich herum deine Meinung teilt.

Danach kam der Fall Trump, gefolgt vom Brexit, in denen sich fortschreitend Tiefen (oder himmlische Höhen) der neuen Welt offenbarten. Dies ist eine Welt, in der auch diejenigen erreicht werden können, die niemals politisch aktiv waren. Und dann entschieden diese „kleinen“ Menschen über die Geschicke des eigenen Landes.

Nun ist jeder sein eigenes Medium. In unseren Accounts teilen wir Informationen und leiten sie weiter, wir filtern und verdichten sie.

Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Sowohl in Bezug auf sich selbst als auch auf andere.


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Wir, die wir an jenem Tag bei Zoom zusammentrafen, wählten E-Scooter auf den Straßen in unseren Städten als Fallbeispiel. Nach gründlicher Vorbereitung teilten wir uns in vier Gruppen auf und trafen uns eine Viertelstunde später, um uns vier absolut unterschiedliche Mitteilungen anzuhören, die… kein einziges gelogenes Wort enthielten. Aber nach der einen Version wollte man sofort lossprinten, um jedem Familienmitglied einen E-Scooter zu kaufen, wogegen nach der anderen der Wunsch nach einem absoluten Verbot aufkam. Daher ist für die Wahrheitsfindung notwendig, sich mehrere Wahrheitsversionen anzuhören. Fakes, und das ist wichtig, müssen links liegen bleiben.

Das Gespräch ist somit angestoßen worden. Laut Teilnehmerfeedback, war es eine spannende Veranstaltung. Aber die Treffen im Rahmen des Projektes „ICH BIN DABEI“ treffen immer auf Gegenliebe. Und der Club „Live Berlin“ sorgt ohnehin immer dafür, dass es keinem langweilig wird.

Zusammenfassend haben wir Folgendes herausgefunden und an uns selbst ausprobiert, nämlich, dass:

  • Media lügen, auch wenn sie die Wahrheit sagen;
  • die Wahrheit zwar schwer zu herauszufinden ist, es ist aber möglich;
  • es viele Wahrheiten gibt;
  • wir selbst als „gewissenhafte Medien“ fungieren können;
  • und es am wichtigsten ist, in jeder unklaren Situation bewusst zu handeln.

Es scheint, dies ist eine ansehnliche Sammlung von Schlussfolgerungen für einen zweistündigen Workshop. Es soll weitergehen… Und es wird sicher weitergehen. Die neue Welt steht bereits vor der Tür.

von Borys Shavlov · Berlin
übersetzt von Elena Nowak


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