Auf der Suche nach dem verlorenen Lenin: Wie der bronzene Wladimir aus der Stadt Puschkin Exponat eines deutschen Museums wurde

Im letzten Jahr hatte das Deutsche Historische Museum einen „Neuzugang“: Aus dem Schweizer Asyl kehrte der bronzene Lenin zurück, der zu einem der Hauptexponaten in der Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ wurde. Wladimir musste sich eine Weile im Rahmen eines Museumsaustauschs in Zürich aufhalten. In der Welt gibt es Lenin-Statuen in Hülle und Fülle, jedoch ist diese eine ganz besondere. Bevor es zu einem Museumsstück wurde, war das Denkmal für den Führer des Weltproletariats geraubt, vor dem Vergessen gerettet, wieder gefunden und letztendlich zu einem Geschenk gemacht worden.

Foto: Lenin-Denkmal in Eisleben. Foto: Wikipedia / Bundesarchiv

Auf nach Eisleben!

Eisleben-Lenin ist der deutsche Name des bronzenen Lenins. Er zierte mehrere Jahre lang den zentralen Platz in Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt.

Die Geschichte, wie das Lenin-Denkmal in Luthers Geburtsstadt kam und dort beinah ein halbes Jahrhundert lang blieb, mutet wie ein Krimi an, mit einer Handlung, Fahndung, Enthüllungen und sogar einem Happyend.

Eigentlich entstand der Führer des Proletariats schon 1926 als Arbeit des bekannten sowjetischen Bildhauers Matwei Maniser, der auch Stalins Todesmaske anfertigte und die Statuen für die Moskauer U-Bahn-Station „Platz der Revolution“ entwarf. Jeder, der je in Moskau war, erinnert sich an den Soldaten mit einem Hund, dessen Nase (die des Hundes natürlich) durch zahlreiche Berührungen glänzt oder an die pralle Bäuerin mit einer Weizengarbe auf dem Arm.

Wladimir Iljitsch erschien vor den Bewohnern des Detskoje Selo (so hieß die Stadt Puschkin im Leningrader Gebiet bis 1937) in einem Anzug und mit einer Schirmmütze auf dem Kopf in einer seiner typischen Körperhaltung: Unter der aufgeknöpften Anzugsjacke ist eine Weste zu sehen, die linke Hand hält den Jackensaum, die rechte steckt in der Hosentasche.



Manisers Lenin-Klone wurden übrigens damals in drei weiteren sowjetischen Städten aufgestellt: das erste Denkmal erschien 1925 in Chabarowsk, wo es auch bis heute zu sehen ist, in Kirowograd (seit 2016 Kropiwnizki, Ukraine) sowie in Kujbyschew (heute Samara).

Die ersten fünfzehn Jahre stand der zukünftige Eisleben-Lenin in Puschkin, aber im Herbst 1941 besetzten die deutschen Truppen die Stadt. Von da an beginnen Lenins Abenteuer.

Das Bronzedenkmal war für die Deutschen von großem Interesse. Sicher nicht kunsthistorisch, sondern als Buntmetall. Das 3,2 Meter hohe und knapp drei Tonnen schwere Monument wurde von Hitlers Wehrmacht zum Einschmelzen nach Deutschland gebracht.

Die Skulptur reiste zwei Jahre lang quer durch Europa, bevor sie zur Krughütte in Eisleben kam. Die Schmelzöfen anderer Fabriken waren technisch nicht in der Lage, die tonnenschwere Statue zu „verdauen“, so dass Lenins letzter Weg lang und verschlungen war. Und es stellte sich heraus, dass es gar nicht sein letzter war.

Seite aus der achten Ausgabe der Zeitschrift „Smena“ von 1954

„Brüder, es ist ein Lenin!“

Folgender Artikel mit dem Titel „Denkmal in Eisleben“ wurde in der 8. Ausgabe der Zeitschrift „Smena“ vom Jahr 1954 veröffentlicht. Es ist ein empfehlenswertes Meisterstück der sowjetischen Propaganda und liest sich an manchen Stellen wie ein erotischer Hardcord-Thriller an. Anbei ein Auszug über die Wunderrettung des Eisleben-Lenins:

»… in der Beschickungshalle wurde ein weiterer Altkupfertransport verladen. Der Kran erzitterte, hob vom Eisenbahnflachwagen einen kolossalen Kupferklumpen auf und hielt ihn in der Luft, als ob er überlegen würde, was mit dieser immensen Beute zu machen ist. Und in diesem Augenblick rief jemand, aller Vorsicht vergessend, laut auf:

„Brüder, Lenin! (…)“

In der Halle erschallte ein bedrohliches Murren und die gleiche Stimme erklang, diesmal zornig, erneut:

„Wir lassen ihn nicht einschmelzen! Brüderchen, was ist das denn?!! (…)“

Aus der Menge der Unfreien trat eine Frau in Lumpen heraus, bedrängte einen Wächter und schrie:

„Los, schieße, du Antichrist!“

Ihre Augen waren voller Tränen. In Zorn zerriss sie ihre Jacke, druckte ihren nackten Busen an den Lauf des Maschinengewehrs und sagte immer wieder:

„Schieß los, schieß doch los, du Nazi-Scheusal!“

Der Kranhebel bewegte sich langsam weg von den Handkarren, die auf eine neue Portion des Altmetalls warteten, und legte den bronzenen Klumpen vorsichtig auf Metallspäne. (…)«

Es ist weder bekannt, ob die barbusige Frau die Leningrader Studentin Valentina Schestakova war, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschickt worden war und als Verbindungsfrau zwischen den Fabrikarbeitern und dem Untergrund agierte, noch ob es eine solche Frau tatsächlich gab oder sie der grenzenlosen Fantasie des Autors M. Velitschko entsprang. Aber es war Schestakova, die die sowjetische Propaganda neben dem Arbeiter Robert Büchner zur Hauptretterin des Denkmals machte.

Angeblich hätte Valentina Büchner, dem Anführer des Widerstands in der Krughütte von dem bronzenen Lenin erzählt. Und er hätte die Idee gehabt, wie das Monument gerettet werden könnte. Jedoch beichtete die echte Schestakova kurz vor ihrem Tod bei einem Besuch in Eisleben Anfang der Nullerjahre der deutschen Presse, dass die ganze Geschichte über die „Rettung“ Lenins erfunden sei. Und die schöne Untergrundlegende müsse von ihr aufrecht erhalten werden, da sie Repressalien nach ihrer Rückkehr befürchtete. Tatsächlich blieb das Denkmal die ganze Zeit in der Halle liegen, da es für die Schmelzöfen viel zu groß war und man die Mühe scheuchte, es zu zerlegen.

Die Legende besagt jedoch folgendes:

»In der Nacht verschwand das kupferne Koloss. In einer dunklen Hallenecke entstand ein kleiner Hügel aus verrosteten Spänen. Dieser Hügel bewahrte das Geheimnis der Krughüttenarbeiter, von dem nur wenige wussten. Der ehemalige Minenarbeiter Walter Kuneus, der alte Mosch, die Arbeiter Kurt Lindner, Paul Schuster, Hermann Hoffmann, der Meister Knaut beschützten ihn (…). So vergingen Tage, Wochen und Monate…«

So wurde Valentina eine Heldin in ihrer Heimat und der andere „Retter“ Lenins, Robert Büchner, machte eine steile Karriere und wurde gleich nach der Kapitulation der Nazis der erste sozialistische Oberbürgermeister Eislebens.

Seite aus der 8. Ausgabe der Zeitschrift „Smena“ für 1954

Ist er es oder ist er es nicht?

Im April 1945 kamen die Amerikaner in die Stadt und die Hüttenarbeiter versuchten, den unter den Spänen verborgenen Lenin auf dem zentralen Platz der Stadt aufzustellen. Jedoch verbot dies die amerikanische Verwaltung und das Denkmal blieb fast zwei weitere Monate auf dem Fabrikhinterhof liegen.

Letztendlich wurde Eisleben der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen. Danach konnten die Hüttenarbeiter unter Leitung von Robert Büchner endlich das Denkmal auf dem Platz aufstellen: Sie schafften es genau bis zum Vortag des sowjetischen Einmarsches in die Stadt am 2. Juli 1945. Dies fand Erwähnung in der lokalen Presse, woraus die Zeitschrift „Smena“ mit Vergnügen zitierte:

»Nun stehst du unter uns, Lenin, Vater der Werktätigen, — schrieb ein gewisser Werner Egeratt, — gerade so hoch über der Menge, dass dich alle sehen können, und gerade so tief, dass die um dich herum spielenden Kinder deine Füße berühren.«

Auf der Vorderseite des Denkmals wurde Folgendes eingraviert:

W. I. Lenin
geb. 22.4.1870
gest. 21.1.1924

und die deutsche Inschrift auf der Rückseite berichtete, dass das Denkmal durch deutsche Kriegsverbrecher in Russland geraubt und nach Deutschland zum Einschmelzen verbracht, jedoch von den Krughüttenarbeitern gerettet und nun von Antifaschisten zu Ehren der sowjetischen Armee aufgestellt wurde.

Es ist erstaunlich, aber die ganzen dreizehn Jahre danach blieb die Herkunft Lenins verborgen. In der Zwischenzeit verschenkte die UdSSR das aufgetauchte Monument mit ungewisser Herkunft an Eisleben zum Zeichen der Freundschaft und Zusammenarbeit. Es geschah am 1. Mai 1948.

»Die Einwohner der Stadt, die Minenarbeiter gingen mit Fahnen und Blumen zum Denkmal. Ein Menschenmeer ergoß sich auf den Platz und in die umliegenden Straßen, so die „Smena“. In allen Schulen der Stadt wurden Sonderstunden anberaumt, damit die Schüler die Biographie des großen Führers der Völker kennenlernten. Die Pädagogen begannen diese Stunde mit den Worten: „Kinder, habt ihr auf dem August-Bebel-Platz die bronzene Statue eines Menschen in einfacher Arbeiterkleidung gesehen? Sein Name ist Wladimir Iljitsch Lenin.“«

Die Herkunft der Statue wurde erst zufällig 1958 entdeckt, als eine Künstlerdelegation aus der Sowjetunion in die DDR kam. Unter den Teilnehmern war der ehemalige Vize-Präsident der sowjetischen Akademie der Künste Matwei Genrichowitsch Maniser. Als die hohen Gäste Eisleben besuchten, erwartete Maniser eine besondere Überraschung: Er erkannte auf dem zentralen Platz sein Werk.

Selbstverständlich entschied man sich dazu, das bereits an Eisleben verschenkte Denkmal dort zu belassen. Als eine Geste des Dankes übergaben die Deutschen 1960 der Stadt Puschkin eine Kopie des Weimarer Ernst-Thälmann-Denkmals, das anstelle des entführten Lenins nun dort aufgestellt ist.

Nach der Wiedervereinigung wurde der bronzene Lenin in Eisleben demontiert und ins Deutsche Historische Museum in Berlin verfrachtet. Die Statue ist nicht vergessen. Sie wird nach wie vor von Geschichtsinteressierten bewundert, jedoch wird keiner mehr über sie so poetisch wie damals schreiben wollen:

»Das Lenin-Denkmal strahlt das Licht der Neuen Welt aus. Es verkörpert das Heute und die Zukunft Deutschlands.«

Maria Pawlowa · Berlin · 23.08.2017
übersetzt von Elena Nowak,
redigiert von Peter Gärtner
und Elena Nowak


Der Beitrag auf Russisch: Сказка о потерянном Ленине: как бронзовый Ильич из города Пушкина стал достоянием немецкого музея

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