Ein Abenteuerquiz zur Geschichte „Der Hauptmann von Köpenick“. Wie es war

Fünf Enthusiasten, fünf Wochen, fünf Fahrten zum Ort des Geschehens. Nächtliche Briefings, ständige Diskussionen, radikale Änderungen und erneutes Überarbeiten. Briefe und Anrufe bei Sponsoren, Erstellung einer Web-Seite, Werbung in sozialen Netzwerken und unter Freunden. Und dann versammelt sich an einem Julisamstag auf der Palastinsel des Randbezirkes Köpenick eine für die Gegend ungewöhnliche Menschenmenge. 65 Menschen warten ungeduldig auf den Anfang des neuen Abenteuerquiz‘ zur Geschichte «Der Hauptmann von Köpenick». Wir berichten, wie es war.

Foto: Nikolaj Masnikov

Was ist ein Stadtquiz?

Es ist sowohl ein Abenteuerspiel als auch eine spannende Einführung in die Stadtgeschichte sowie die lustigste Art und Weise, die versteckten Ecken und Legenden eines Ortes kennen zu lernen. Damit keiner mit starrem Blick auf sein Smartphone durch die Straßen irrt, bringt das Quiz ihn dazu, alles drumherum bis in die winzigste Kleinigkeit zu beobachten. Und die Aufgabe der Organisatoren ist es, sie ins Zentrum einer Geschichte zu versetzen, die eben an diesem Ort stattfand.

Vor einigen Jahren entwickelten die Berliner Tatiana Bulovyatova und Nikolaj Masnikov ihr erstes Stadtquiz „Hinter der Mauer“. Es ging um Ereignisse vor dem Mauerfall und dem Kampf zwischen Geheimdiensten, der damit zusammen hing. Nun kam die Zeit der neuen Abenteuer.

Wer sind Sie, Herr Hauptmann?

Am 16. Oktober 1906 brachte ein angeblicher Hauptmann mit einem Regierungsbefehl eine Gruppe Soldaten unter sein Kommando. Das Befehl schrieb nicht mehr und nicht weniger vor, als das Rathaus des Vorortes Köpenick zu besetzen und den Bürgermeister sowie den Hauptkassierer festzunehmen. Der Hauptmann meisterte die Aufgabe mit Bravour und beauftragte seine Soldaten, das Rathaus weiter zu bewachen. Er selbst aber machte sich mit der Kasse davon. Die Militäruniform hatte sich das Schlitzohr auf einem Markt gekauft.

Bald wurde der Betrüger festgenommen. Trotz der schweren Tat konnte das Gericht die Sache nicht wirklich ernst nehmen. Der Richter sympathisierte mit dem Schlawiner und bewunderte die Leichtigkeit, mit der er das ganze „Unternehmen“ abgewickelt hatte. Daher verurteilte er ihn „nur“ zu vier Jahren Haft. Im Knast verweilte der „Hauptmann“ jedoch nur zwei Jahre: Er wurde vom Kaiser persönlich begnadigt, dem vor Lachen die Tränen kamen. Die Anekdote bekam später den Namen „Köpenickiade“. Das ganze Europa amüsierte sich über die Geschichte und Wilhelm Voigt — dem falschen Hauptmann — bleibt bis heute der bekannteste Köpenicker.

Köpenickiade, Abb. Wikipedia

Und wie soll man das alles spielen?

Die „Polizeiteams“ sollen innerhalb von drei Stunden den flüchtigen Betrüger im Zentrum Köpenicks ausfindig machen. Die Aufgaben bekommen sie über Smartphones als „operativen Bericht plus Aufgabe“. Es gibt kurze historische Informationen für die Spieler, um die 111 Jahre alten Ereignisse nachzuempfinden. Es geht darum, über verklausulierte Beschreibungen Wege und Orte zu finden. Dabei ist Witz und Ratespaß gefragt. Mit einem abgeschickten Foto des gesuchten Objekts ist die Aufgabe gelöst.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, einen Hinweis zu bekommen, der die Punktezahl deutlich senkt oder gleich ohne Punkte, aber zeitsparend zum nächsten Rätsel überzugehen. Gewonnen hat das Team, das die meiste Punktzahl erreicht hat. Bei Gleichstand gewinnt das Team, das als erstes zum Ziel kommt.

Und? War es spannend?

Und wie! Nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Autoren. Es ist wirklich nicht klar, wem es am meisten gefallen hat. Der häufigste Satz am Ende war: „Wann und wo gibt es das nächste Spiel?“ (Fortsetzung folgt! Siehe Clubnachrichten).

Nach der Erklärung der Regeln und einer Probeaufgabe verteilen sich die Teams im alten Köpenick und bekommen einige Minuten später erste Aufgaben auf ihre Smartphones. Lasst uns nun anschauen, welche Aufgaben (ohne den genauen Wortlaut) das eigentlich sind und wie die Spieler darauf antworten.

Briefing vor dem Start. Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr.1

Die erste Aufgabe sollte eigentlich maximal einfach sein: um Feuer zu fangen. Der Alte Markt von Köpenick ist sowohl eine Straße, als auch eine Kreuzung sowie ein winziger Platz mit drei Häusern. Dort steht ein weißes Gebäude mit fünf gleichen Reliefen von Männerköpfen an der Fassade (genau die haben wir uns für die Aufgabe vorgemerkt!) und ansonsten — so dachten wir — gibt es dort nichts Besonderes.

Aber es stellt sich heraus, dass es alles mögliche in fünffacher Ausfertigung zu finden gibt! Unsere Spieler entdecken fünf Bäume, fünf Spielzeuge auf einem Fensterbrett… Nur ein Team schickt uns die richtige Antwort zu! Wer hätte das gedacht, und dabei ist es so eine einfache Aufgabe.

Die richtige Antwort ist direkt hinter ihren Rücken zu sehen. Foto: Tatiana Bulovyatova

Die Teams auf Altem Markt. Fotos: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 2

Hier ist alles viel zu einfach. Das Heimatmuseum finden fast alle. Neben dem Eingang hängt ein Plakat, dessen erste Karikatur den Beginn der Köpenikiade darstellt. Die Teams stellen sich auf, um Fotos zu machen. Einige knipsen einfach so los und erklärten es ihrem Team: „Ich weiß zwar nicht warum, aber alle machen hier Fotos.“

Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 3

Am Spreeufer befindet sich im ehemaligen Wäschereigebäude ein bayerisches Restaurant, das zu unserem Kuratorenstab wird. Diese verfolgten aufmerksam die Abenteuer ihrer Teams auf den Computermonitoren und durch die verdunkelten Fenster der Gaststätte. Der Restaurantaushang mit tanzenden Jungs und Mädchen wird zur dritten Spielaufgabe.

Richtige Antwort. Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 4

Diese Aufgabe wollen wir einfach halten, damit die Teams einander näher kommen und wir diejenigen zum richtigen Ort führen, die unterwegs verloren gingen. Daher schicken wir die Spieler direkt zum Rathaus zur ständigen „Hauptmannsausstellung“, zwecks „Tatortbegehung“. Es sieht so aus, dass keiner daneben lag.

Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 5

Der richtige Name des Kassierers, der vom Hauptmann Voigt verhaftet wurde, ist von Wiltberg, aber wir nehmen uns die Freiheit und verpassen ihm den Namen Luisenhain, damit die Spieler zu der gesuchten Uferstraße an der Dahme finden. Dorthin müssen sie laufen und schwitzen, ehe sie in einem der Restaurants hinter einer Palme das Versteck des Kassierers ausmachen.

Foto: Tatiana Bulovyatova

Hier hat unser Locationscout und eine der Questautoren Tatiana ihren Spaß: Eine vierköpfige Gruppe betritt das Restaurant, fotografiert eine Wand und geht. Eine halbe Minute später kommt eine weitere Gruppe hinein, freut sich lautstark, fotografiert die gleiche Wand und geht ebenso. Dann kommt noch eine. Und noch eine. Fünfzig Menschen innerhalb von zehn Minuten. Die Besucher des kleinen und bis dahin ruhigen und verborgen liegenden Restaurants wundern sich, die Kellner sind total erstaunt.

Aufgabe Nr. 6

Hier sollen Soldaten ausfindig gemacht werden, die der Hauptmann zur Bewachung der Post zurückließ, als er sich mit der Beute davon machte. Gesucht ist der Briefkasten direkt gegenüber vom Rathausausgang. Neben dem Briefkasten sind auf einem Blumenkübel die Soldaten dargestellt. Aber einige Teams zeigen, welche unglaubliche Kreativität in ihnen steckt.

Das ist die richtige Antwort…

… und das ist die kreative.

Aufgabe Nr. 7

Diese Aufgabe ist wiederum kniffelig. Köpenick hat eine Freiheit-Straße und daneben liegt eine gleichnamige Haltestelle. Und eben diese wollen wir fotografieren lassen. In der Aufgabe gibt es selbstredend einen Hinweis darauf. Aber die Teams finden solche lokalen Details, die wir auch nach fünfmaligen Köpenick-Besuchen übersehen haben. Zum Beispiel entdecken sie direkt neben der Haltestelle ein Klingelschild, auf dem der Name „Voigt“ steht — hier wohnt also der Namensvetter unseres Ganoven!

Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 8

Mit einem Tipp auf eine königliche Person wird das Hotel Kubrat, in dessen Logo eine Krone zu sehen ist, an der Ecke zum Katzengraben neben einer Spreebrücke angedeutet. Aber es wäre zu langweilig, die Teilnehmer auf direktem Weg zum Hotel zu lotsen, daher müssen sie erst einen Wegweiser zum Hotel finden. Es gibt sogar zwei davon: eine vom Ufer her sichtbare Karte, auf der dieses Hotel rot gekennzeichnet ist, und ein riesiges Werbeschild mit dem Hinweis auf den Hoteleingang.

Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 9

Eine unserer Lieblingsaufgaben, da sie so schön ist. Von der Kreuzung Jäger-/Rosenstraße aus wird eine Hauswand mit einer Retro-Werbung sichtbar. Eine der Werbeinschriften ist die richtige: „Hauptmann von Köpenick Polsterei“. Und darauf ist ein weiterer Schnitzeljagd-Hinweis zu finden. Aber mehreren Teams gefällt die Inschrift so sehr, dass sie sich damit begnügen und die Fährte ignorieren. Schade — Die richtige Antwort ist das gemeinsame Bild vom Polsterer und dem Hauptmann.

Foto: Tatiana Bulovyatova

Aufgabe Nr. 10

Neben dem Rathaus befindet sich die älteste Kneipe Alt-Köpenicks mit der Aufschrift „Futtern wie bei Großmuttern“. In deren Schaufenster ist eine ganze Figurensammlung des Köpenicker Lieblingsschlawiners zu bewundern. Außerdem steht im Inneren der Kneipe eine menschengroße Soldatenstatue. Eine richtige Antwort ist eine Aufnahme einer jeder dieser Figuren, aber die Teams gehen sogar weiter, finden in einem Hof um die Ecke eine ganz andere Kneipe und bezeichnen unverdient ein „Mädel“ auf einem Werbeposter als Oma.

Aufgabe Nr. 11

Oh-oh. Diese Aufgabe ist uns nicht gelungen. Die Hinweise sind zu verklausuliert und einige Alternativen wurden übersehen. In ganz Alt-Köpenick sind Hinweisschilder zum zentralen Parkplatz zu finden. Auf den Schildern gibt der Hauptmann die Richtung an. Und am Parkplatz selbst befindet sich ein Kassenautomat, der im Spiel für die entwendete Kasse steht. Die Spieler sollten an den Schildern erkennen, dass sie zum Parkplatz gehen müssen. Die Aufgabe gibt ja vor, dass der gefasste Hauptmann die Polizisten selbst zur Kasse führen wird.

Allerdings steht unter dem Schild ein Geldautomat. Und der Hauptmann zeigt direkt darauf! Ist ja auch eine Kasse… Und manche Spieler denken, sie sollen sich am Schild umschauen und finden dieses Bild auf einem Beet in ein Paar Meter Entfernung. Und dann gibt es da eine Filiale der Sparkasse… Dieser Fehler geht auf uns. Sorry!

Aufgabe Nr. 12

Höhepunkt des Spiels ist der Besuch des verhafteten Hauptmanns im Knast. In der Straße Freiheit 15 am Spreeufer befindet sich ein großer Hof, in dem es ein Theater, ein Eventschiff, ein Pavillon und auch einen unauffälligen Raum mit dicken Gittern vor dem Fenster gibt. Dahinter sitzt unser armer Voigt (übrigens saß er dort wirklich ein).

Aber die Teams lassen sich von ihrer eigenen Logik leiten und suchen die Adresse Alt-Köpenick 15. Im Hof des Hauses Nr. 16 finden sie etwas, was auf den ersten Blick tatsächlich zu passen scheint, und denken: „Das ist es!“

und das auch!

Wie war das Ende?

Drei Stunden waren für das Spiel eingeplant. Das schnellste Team schafft es in 58 Minuten, das langsamste schickt die (gerechterweise — richtige) Antwort auf die letzte Frage zwei Minuten vor Schluss zu. Und da geschieht unser größter Fehler: Durch mehrere Überprüfungen verzögert sich die Punktezählung. Und inzwischen verdunkeln Gewitterwolken den Himmel und just bei der Preisverleihung (Freitickets für das Musical „Der Hauptmann von Köpenick“ im Admiralspalast) am Palastplatz schüttelt es so stark, dass alle innerhalb von paar Minuten pitschnass werden.

Es ist absolut nicht möglich zu fotografieren, daher ist hier ein Foto der Sieger Bogdana Bondarenko sowie Sergej Gavrilov und Anna Gavrilova zu sehen, das beim Absenden der dritten Aufgabe gemacht wurde.

Wir gratulieren unsere Sieger noch einmal!

Anna Gavrilova, Bogdana Bondarenko und Sergej Gavrilov Foto: Tatiana Bulovyatova

Das Finale ist zugegebenermaßen ins Wasser gefallen, aber wir sind trotzdem der Meinung, dass das Spiel prima gelungen ist. Und das ist erst der Anfang des Clubs LiveBerlin. Wartet auf neue Nachrichten auf unserer Seite und im Telegram!

Foto: Tatiana Bulovyatova

Vielen herzlichen Dank an alle Teilnehmer und Unterstützer: Magazin „LiveBerlin“, Tourismusverein Berlin Treptow-Köpenick e.V. und Waschhaus Alt-Köpenick!

Bis zum nächsten Mal bei neuen Abenteuern!

Eure Tatiana Bulovyatova, Olja Mishareva, Jana Zharkova, Anna Tjunjaeva und Nikolaj Masnikov

Tatiana, Olja, Nikolaj. Leider sind hier Jana und Anna nicht abgebildet, ohne die dieses Quiz nicht geklappt hätte. Zum nächsten Mal machen wir ein gemeinsames Bild – versprochen! Foto: Alexander Bulovyatov

 

LiveBerlin · 19.07.2017
übersetzt von Elena Nowak,
redigiert von Peter Gärtner
und Elena Nowak ■

 

Der Beitrag auf Russisch: Авантюрно-исторический квест «Капитан из Кепеника». Как это было →

 


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